• Generation Y
  • Schauspielstudent Kai Philipp Jahrgang 1993
  • Also ich hatte eh schon immer eine sehr ausgeprägte Persönlichkeit… nee das stimmt nicht, das stimmt gar nicht. Meine Persönlichkeit hat sich auf jeden Fall verändert – ich bin viel selbstbewusster als früher. Wenn ich dir jetzt sagen würde, ich bin schüchtern, würdest du mir das nicht glauben. Aber pass mal auf! Wenn man mich kennt, dann weiß man auch, dass ich schüchtern bin. Man merkt mir das nur nicht mehr so an wie früher.
  • April 2015
  • WOMIT VERDIENST DU DEINE BRÖTCHEN?
  • Zurzeit studiere ich Schauspiel in Köln. Als Schauspielstudent macht man halt das, was man kriegt; man dreht viele Kurzfilme oder schaut, dass man als Komparse in irgendwelche Serien reinkommt, um Geld zu verdienen. Ansonsten habe ich zuletzt in einem Kinder- und Jugendhaus gearbeitet, das ist ein bisschen so wie ein Frauenhaus; also, wenn Kinder misshandelt oder vergewaltigt werden, werden die aus den Familien rausgeholt und dort betreut. Das habe ich bisher nebenbei gemacht, jetzt suche ich was Neues.
  • WIE HAST DU DEINEN WEG ZUM SCHAUSPIEL GEFUNDEN?
  • Ich bin durch puren Zufall dazu gekommen. Irgendwann kam bei mir die Frage auf, was ich eigentlich wirklich machen will. Ich habe zwar schon Musik studiert und auch einen Bachelor erreicht, aber das ist eigentlich auch nicht das, womit ich weitermachen will. Ich wollte nicht mehr mit dem Kopf denken, sondern vielmehr auf meinen Bauch hören. Im Endeffekt habe ich dann einen Freund getroffen, der mir erzählte, dass er gerade Schauspiel macht und ich dachte sofort: oh wie geil, das wollte ich auch schon immer mal machen! Ich habe das zwar vorher schon nebenbei gemacht, weil ich das ganz cool fand, hab aber nie den Gedanken gehabt, boah ich will unbedingt Schauspieler werden, das ist mein Traumberuf. Der Freund meinte dann zu mir: komm Kai, ich habe da eine Aufnahmeprüfung gemacht, nächste Woche ist auch nochmal eine, ruf da mal an.
  • WAS HATTEST DU FÜR EIN GEFÜHL BEI DER AUFNAHMEPRÜFUNG?
  • Die wurde dann erstmal um einen Monat verschoben, weil es zu wenig Anmeldungen gab. Da ging dann der schlimmste Monat meines bisherigen Lebens los, weil ich nicht wusste, was passiert jetzt und ich einen Monat auf eine Sache warten muss, bei der ich mir eigentlich gar nicht sicher war, ob ich das wirklich machen will, wie ich das finanziere und überhaupt alles mache. Auf jeden Fall bin ich dann zu dem Aufnahmeworkshop gefahren, bin die Tür reingegangen und dachte mir, ja geil, es ist irgendwie schäbig und ein bisschen heruntergekommen, aber das ist geil, du fühlst dich hier wohl. Deshalb studiere ich Schauspiel. Aus einem Bauchgefühl heraus.
  • HAST DU DEINE ENTSCHEIDUNG BISHER JEMALS BEREUT?
  • Die Sache ist natürlich, jetzt mach ich doch wieder was Künstlerisches, was ich mit der Musik eigentlich nicht mehr machen wollte. Die darstellende Kunst ist noch brotloser als bildende Kunst. Manchmal denke ich mir so, Kai, was ist eigentlich, wenn du da jetzt die vier Jahre beendet hast? Was machst du dann? Was ist eigentlich, wenn du nicht ans Theater kommst? Was passiert dann mit dir? Da denke ich manchmal drüber nach und hinterfrage es, aber ich bereue es nicht.
  • ERFÄHRST DU RÜCKHALT BEI DEINEN ENTSCHEIDUNGEN?
  • Ich glaube, mein Rückhalt bin ich selbst. Ich habe nicht wirklich so eine Person, die mir sagt, mach das, teste dich aus und wenn das nicht passt, machst du halt was anderes. Das leider nicht. Mittlerweile wird es jedoch durch die Familie anerkannt, vielleicht auch eher akzeptiert, dass ich das mit der Schauspielerei mache und natürlich wird auch gefragt, wann ich mal auftrete. Ich bin da schon sehr selbstständig aufgewachsen und wurde so erzogen, dass wenn man es nicht schafft, dass man dann einen anderen Weg finden muss, um es zu schaffen. Punkt. Wir sind einfach alle nicht so die Familienmenschen.
  • WELCHE PHASE DEINES LEBENS HAT DICH BESONDERS POSITIV GEPRÄGT?
  • Meine Zeit in Düsseldorf. Nachdem ich mit 16 von Zuhause nach Berlin für ein halbes Jahr abgehauen bin, bin ich danach in Düsseldorf gelandet und habe dort gearbeitet und mein Leben kennengelernt. Ich habe dann mit 17 ganz alleine gewohnt, weil ich für WGs zu jung war. Wenn man aus einer 70.000 Einwohnerstadt kommt und dann in eine 700.000 zieht, ist das ein Unterschied. Das ist ein großer Unterschied. Da hat es dann für mich angefangen, ich habe viel gearbeitet, was mir nichts ausgemacht hat, weil es mir Spaß gemacht hat. Psychiatrie, Club, Kunst. Wenn es mir nicht Spaß gemacht hätte, hätte ich es nicht gemacht. Ich merk auch immer, wenn ich jetzt hier in Köln bin, ich muss mal wieder nach Düsseldorf fahren. Deshalb bin ich auch damit so verbunden, es ist für mich einfach meine Heimat. Selbst wenn ich in Düsseldorf unter der Brücke wohnen müsste, ich würde nicht nach Hause nach Datteln kommen.
  • WAS WAR ALS KIND DEIN TRAUMBERUF?
  • Endlich werde ich das mal gefragt! Ich wollte das schon immer mal gefragt werden! Mein Kindheitstraumberuf war Militärhubschraubertransportpilot. Das war mein Traumberuf. Ja. Hat nicht funktioniert. Voll strange oder? Ich bin früher auch nie geflogen, deshalb wusste ich auch nicht, wie schön es ist zu fliegen, das ist vielmehr die soziale Ader in mir. Ich wollte nie diese Ballerhubschrauber, sondern die Transporthubschrauber fliegen. Ich will einfach mal dieses Gefühl haben, dass ich oben im Cockpit sitze und weiß, dass ich gerade mehrere hundert Tonnen unterm Arsch habe und dass sich das auch noch in der Luft bewegt! Das ist einfach faszinierend. Faszination bringt mich zu meinen Lebensträumen – wenn ich von etwas fasziniert bin, möche ich das auch machen.
  • WAS IST DEIN LEBENSTRAUM?
  • Mein Lebenstraum ist einmal nach Manaus (Hauptstadt vom Amazonas) zu fahren, da ich als Kind das Buch „Maia oder als Miss Minton ihr Korsett in den Amazonas warf“ von meiner Tante geschenkt bekommen habe. Das war so toll, ich habe das schon so oft gelesen! Das ist einfach sehr schöngeschrieben.
  • WO SIEHST DU DICH IN DER ZUKUNFT?
  • Ich habe keinen Plan wie mein Leben werden soll. Es gibt derzeit keine Person in meinem Leben, an der ich mich festhalte, das kann sich aber gerne ändern, da hätte ich nichts dagegen. Ich halte daran fest, dass ich Lust zu leben habe, weil ich viel erleben möchte. Ich habe keine Erwartungen, was ich erreichen möchte, außer einmal nach Manaus zu fliegen. Wenn ich das machen würde, wäre mir der Rest egal. Was soll dann noch kommen? Was Schöneres, als seinen Lebenstraum zu erfüllen, kann man nicht. Einen zweiten Lebenstraum habe ich nicht.
  • BIST DU MIT DEINEM LEBEN ZURZEIT ZUFRIEDEN?
  • Wenn du mich das direkt fragst und ich direkt antworten würde, würde ich sagen: ja. Aber das stimmt nicht. Zufrieden ist nicht gleichzustellen mit glücklich, oder? Ich bin zufrieden mit dem, was ich gerade tue und wie es in meinem Leben läuft, ja, aber ich bin damit nicht glücklich. Also mit dem, was ich tue schon, aber ich bin nicht rundum glücklich. Also ich bin zufrieden mit dem, was ich jetzt mache. Dass ich in Köln bin, damit bin ich nicht so mega zufrieden, aber ich habe mich damit abgefunden, da es sich ausgleicht, weil ich was mache, was mich befriedigt und mich somit zufrieden macht. Aber ich bin nicht hundertprozentig glücklich, aber das ist ja auch was anderes als Zufriedenheit. Zufrieden ja, glücklich teilweise.